Podiumsdiskussion
Warnsignalen des sozialen Unfriedens entgegenwirken

Wir wehren uns, dass unser Wohngebiet Weimar-West fast immer nur mit
negativen Schlagzeilen in der Öffentlichkeit steht und als sozialer
Brennpunkt abqualifiziert wird. Das war ein Grund, dass das „Bündnis SozialTransFair e.V.“ am 8. September zur Podiumsdiskussion ins Evangelische Gemeindezentrum “Paul Schneider” in Weimar-West einlud.
Das Bündnis und die anwesenden Einwohner wollten vor der Wahl wissen,
welche Ziele die Bundestagskandidaten zum Erhalt des sozialen
Friedens haben und was wir im Wohngebiet dazu beitragen können.
Der Einladung folgten: Martin Röckert (CDU), Sven Steinbrück (SPD),
Martina Renner (DIE LINKE) und Sonja Gonschorek ( Bündnis90/Grüne).

Pfarrer Hardy Rylke begrüßte als Hausherr die Anwesenden
herzlich und betonte, dass eine solche Podiumsdiskussion unsere
Demokratie stärkt. Die Stadträte Karl-Heinz Kraass und Katja Seiler
gaben persönliche Lageeinschätzungen als Diskussionsgrundlage.
Erste Statements von den Herren Röckert und Steinbrück erinnerten an
vergangene Zeiten, wo nur über Erfolge gesprochen und Probleme
ausgeblendet worden. Die Frauen waren kritischer und erklärten dass
die Probleme des Wohngebietes nicht typisch für Weimar West sind,
sondern ein gesellschaftliches Problem. Den Menschen, welche ihren
Platz in unserer Gesellschaft noch nicht gefunden haben, können noch
so engagierte Sozialarbeiter nicht helfen. Die Betroffenen müssen
eine gesellschaftliche Perspektive bekommen und von ihrer Hände
Arbeit selbstbestimmt und würdig leben können. Die vorhandenen
sozialen Probleme mit Staatsgewalt lösen zu wollen, führt in eine
Sackgasse.
Im Wohngebiet gibt es regelmäßig ein Netzwerk-Treffen, wo sich die Vertreter der sozialen Einrichtungen und Vereine vor Ort treffen, sich austauschen und nach Lösungen ringen. Aber nur der gute Wille reicht da nicht aus. Vielmehr muss garantiert werden, dass die Arbeitsplätze von den jetzigen
Sozialarbeitern und Streetworker gesichert sind und neue geschaffen
werden, um den steigenden Bedarf abzudecken. Auch sie arbeiten am
Limit, denn fachliche Hilfe benötigen nicht nur die Kinder und die
Jugendlichen sondern auch verstärkt ihre überforderten Eltern. Über den Jugendklub Kramixxo &Waggong steht auf facebook: „Daumen HOCH sag ich als langjähriger Nachbar und vielen gemeinsamen Stunden. Top Angebote für Kinder und Jugendliche in einer Gegend, in der man die Liebsten noch ohne Sorge raus gehen lassen kann ! Macht weiter so und bleibt wie Ihr seid!“
Anita Leyh hat ein Film über den Boxverein e.V. gedreht: „Ohne den Boxverein hätten es manche der Jungs nicht geschafft – gute Noten in der Schule, eine
Ausbildung, eine eigene Wohnung zu bekommen. Sie erfahren und leben
Respekt, akzeptieren Regeln, schinden sich für den Wettkampf. Sie
sind wie eine Familie und – sie sind sehr erfolgreich.“

Unser Mehrgenerationenhaus ( MGH) ist ein Ort der Begegnung mit
vielfältigen Angeboten. Hier engagieren sich viele Menschen
freiwillig, für den Zusammenhalt der Generationen. Jedoch wird in
jeder Legislatur des Bundestages erneut über die Finanzierung
solcher Häuser gekämpft. Unser MGH ist bis 2020 gesichert, künftig
ehrenamtlich eine solche Einrichtung zu führen ist nicht möglich.
Wenn wir solche Möglichkeiten sozialer Integration und sozialer
Beteiligung nicht anbieten und die Menschen der Straße überlassen,
wird der soziale Frieden gefährdet. Sie werden sich mehr und mehr
von der Demokratie abwenden – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil
sie aus dem sozialen Gefüge ausgeschlossen werden oder sich
ausgeschlossen fühlen. Dem müssen wir gemeinsam entgegenwirken!

Autor:

Heidrun Sedlacik aus Weimar

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