Große Bratschenkunst und geteilter Zuspruch
7. Sinfoniekonzert der Vogtland Philharmonie in Reichenbach

„Da werden wohl so manche ihre Probleme haben“ hörte man zur Pause des 7. Sinfoniekonzertes, zu dem die Vogtland Philharmonie am vergangenen Mittwoch ins Reichenbacher Neuberinhaus eingeladen hatte. Die skeptische Bemerkung zielte auf das soeben gehörte Hindemith’sche Violakonzert „Der Schwanendreher“. Wohl hatte das Publikum Karolina Errera, der Solovirtuosin, durch reichen Applaus für die vorzügliche Darbietung dieses Werkes gedankt, doch konnten viele mit den ungewohnten Klängen der freien Tonalität Paul Hindemiths nicht so recht umgehen. Dabei ist dieses Werk schon über 80 Jahre alt und gehört weltweit zu den vier Premiumkonzerten für Bratsche. Und es macht eigentlich dem Rezipienten wenig Mühe: Für den eigenen Gebrauch komponiert (Hindemith war zu Lebzeiten selbst ein gefragten Bratschenvirtuose!), schlüpft der Komponist quasi in die Rolle eines Spielmanns, der aus der Ferne so manches Lied mitgebracht hat und sie nun voller musikantischer Freude und Spielwitz vorträgt und kommentiert. Tatsächlich zitiert Hindemith Volkslieder aus einer alten Sammlung von Franz Magnus Böhme – ein Beleg doch für die Bodenständigkeit dieses Werkes. Dennoch tun wir uns noch heute schwer mit einer tonalen (nicht atonalen!) Sprache jenseits von Dur und Moll, Funktionsharmonik und Vorzeichen. Karolina Errera, im Jahre 2017 als Preisträgerin des Internationalen Instrumentalwettbewerbes Markneukirchen von der Vogtland Philharmonie direkt von der Bühne verpflichtet, erwies sich als ausgezeichnete Interpretin dieses Werkes. Höhepunkt war sicher der zweite Satz mit dieser versonnen-wehmütigen Stimmung zur Liedthematik „Nun laube, Liedlein, laube“ – Karolina Erreras Spiel eine einzige personifizierte Emotion, wunderschöner Bratschenton, das ging unter die Haut. Wer spieltechnische Virtuosenkunst erleben wollte, wurde im dritten Satz eindrucksvoll bedient. Ein großes Kompliment verdienen auch Orchester und Chefdirigent David Marlow: Überzeugend das Bläserensemble, das mit aufmerksamer kammermusikalischer Emphatie seinem Part gerecht wurde, denn die Bratschensoli kommunizieren überwiegend mit Bläserfarben – im Orchestersatz sind Violinen und Bratschen ausgespart. Zugleich ist war das auch ein Problem der Darbietung, zumal die Kraft des Bläserchores mitunter das Bratschensolo zudeckte. Karolina Errera bedankte sich für den reichen Applaus mit einer Bach-Zugabe (4. Suite) auf ihrer Viola des Plauener Geigenbaumeisters Haiko Seifert.

Die eingangs musizierte Suite „Masques et bergamasques“ von Gabriel Fauré war ein völlig unkompliziert zugängiges Zeugnis französischer „Fètes-galantes“-Kunst, dennoch hätten die vier Sätze wohl eine stilistisch etwas feinere, zurückhaltende Interpretation vertragen.

Für viele Besucher war die 1. Sinfonie C-Dur von Georges Bizet der absolute Höhepunkt des Konzertabends. Der begeisterte Applaus des Publikums galt zunächst der musikalischen Natur dieser heute in den Konzertsälen weltweit häufig gespielten zugängigen Sinfonie, erstaunlicherweise das Werk eines Siebzehnjährigen, gerade deshalb voller ansteckender Frische und Jugendlichkeit, die sich unverbraucht von der Konzertbühne mitteilt. Durchweg vorzüglich die von Chefdirigent David Marlow gewählten Tempi, ein Kompliment diesmal den Streichern für das schöne Sommernachtstraum-Flair im Finalsatz! Dennoch das Highlight der Darbietung – dieser wunderschöne Adagio-Satz mit seinem prächtigen orientalisch anmutenden Oboen-Solo, von Solo-Oboistin Juliane Sigler auf den Punkt brillant und edel zu Ton gebracht, meisterlich! Sehr schön durchsichtig im Ensemble gelungen auch das feine Fugato im Mittelteil dieses Satzes.

-veho-

Autor:

Matthias Pohle aus Zeulenroda-Triebes

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