90 Jahre Bauerfeind
„Gemeinsam zu diskutieren, reizt mich nach wie vor“

Zwei aus gleichem Holz: Der Unternehmer Prof. Hans B. Bauerfeind und der ehemalige Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Helmut Kohl – hier 2004 zu Gast in Zeulenroda beim Festakt „75 Jahre Bauerfeind“.
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  • Zwei aus gleichem Holz: Der Unternehmer Prof. Hans B. Bauerfeind und der ehemalige Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Helmut Kohl – hier 2004 zu Gast in Zeulenroda beim Festakt „75 Jahre Bauerfeind“.
  • Foto: Bauerfeind AG
  • hochgeladen von Daniel Dreckmann

Im Gespräch mit Prof. Hans B. Bauerfeind, Vorstandsvorsitzender der Bauerfeind AG, anlässlich des 90-jährigen Firmenjubiläums.

90 Jahre Bauerfeind: Das ist doch ein guter Grund, um die vielen Erfolge zu feiern?
Ob Sie es glauben oder nicht: Ich schaue lieber nach vorne als zu oft zurück. Es bringt nichts für die Zukunft, sich auf vergangenen Erfolgen auszuruhen. Vieles relativiert sich auch mit der Zeit und verliert an Bedeutung, erst recht innerhalb von 90 Jahren. Aber was wir in den vergangenen Jahren gemeinsam geschaffen haben, ist schon beachtlich und macht mich auch ein bisschen stolz.
Mein Dank gilt allen Mitstreitern, angefangen bei der Familie über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bis zu den Geschäftspartnern. Selbstverständlich haben wir dieses Jubiläum gefeiert. Das größte Fest fand vergangenen Freitagabend auf dem Gelände des Bio-Seehotels Zeulenroda statt, mit 1 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus dem In- und Ausland und sehr vielen Ruheständlern.

Sie sind seit über 55 Jahren aktiv für das Unternehmen tätig. An was in der Firmengeschichte erinnern Sie sich besonders gerne?
Jede Zeit hatte ihre Momente. Ich erinnere mich daran, wie das 1949 mit neun Jahren war, als meine Eltern und ich unsere Heimatstadt Zeulenroda verlassen mussten und für uns in Darmstadt-Eberstadt ein völlig neues Leben begann: in einer fremden Stadt, Freundschaften zu schließen, eine Firma zu gründen und eine neue Existenz aufzubauen. Da wollte ich schon als Kind mithelfen. Nach der Schule flog der Ranzen unter den Tisch und schon war ich im Betrieb. Es machte mir Spaß, Rechnungen zu schreiben oder kleine Maurer- und Zimmermannsarbeiten zu übernehmen, denn bei uns wurde ständig gebaut.
Genauso prägend für mich war der Weg zurück. Unsere erste Betriebsversammlung 1991 in Zeulenroda. Ich sehe die Gesichter der Mitarbeiter noch genau vor mir: distanziert, abwartend, misstrauisch. Damals spielte es noch eine Rolle, woher man kam – erst recht beim neuen Betriebschef. Jeder in der Belegschaft hatte schon seine Erfahrungen mit „Wessis“ gesammelt oder kannte vom Hörensagen Geschichten über solche, die im Osten die schnelle Mark machten und dann wieder weg waren. So etwas brachte auch mich in Rage. Doch nicht gemeinsame Empörung machte uns dann in Zeulenroda so erfolgreich, sondern gemeinsamer Tatendrang.

Sie sind Einzelkind. Wann war Ihnen klar, dass Sie eines Tages die Firma leiten werden?
Einen bestimmten Zeitpunkt kann ich Ihnen da gar nicht nennen. Es war selbstverständlich. Ich bin nicht nur mit der Firma, sondern in Darmstadt-Eberstadt auch in der Firma aufgewachsen. Es gab immer zu tun: in der Produktion, in der Umwinderei, in der Spinnerei und beim Stricken der Gummistrümpfe auf den damals üblichen Flachstrickmaschinen. Aber am liebsten baute und konstruierte ich Maschinen. Nach dem Abitur, einiger Zeit im Ausland und nach meiner Ausbildung in England zum Geprüften Textilingenieur trat ich 1962 offiziell in die Firma ein.

Sie beschäftigen heute weltweit etwa 2 100 Angestellte, sichern Existenzen und sind mit der Bauerfeind AG ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Region. Machen Ihnen dieser Erfolg und die damit verbundene Verantwortung manchmal Angst?
Nein, Angst verspüre ich keine. Die wäre auch hinderlich wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, denn Angst lähmt. Ich habe nach wie vor Respekt und eine gewisse Demut vor der Aufgabe, ein Unternehmen zu führen: Von meinen Entscheidungen hängt eben nicht nur das Wohlergehen der eigenen Familie ab, sondern auch das unserer Mitarbeiter, für die ich Verantwortung trage und die mir vertrauen.

Woher nehmen Sie die Motivation, auch noch mit 78 Jahren weiterzuarbeiten? Was ist Ihr Motor? Was treibt Sie an?
Es macht mir immer noch Spaß, Dinge nach meinen Vorstellungen zu gestalten und vielversprechende Ideen umzusetzen. Gemeinsam mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über ein Produkt zu diskutieren, das wir neu in den Markt einführen wollen, reizt mich nach wie vor ungemein und motiviert mich auch.

Hätten Sie bei der Produkteinführung 1981 gedacht, dass aus der Kniebandage GenuTrain ein derartiges Erfolgsprodukt wird?
Nein, das war so nicht abzusehen. Ursprünglich war der Einsatz der Bandage für Sportler gedacht. Mit Fußball fing es an.
Dann hat sich die Idee verselbstständigt oder besser gesagt das Wirkprinzip hat sich durchgesetzt. Sportler empfahlen die Bandage ihren Verwandten und Freunden. Es sprach sich herum, dass die GenuTrain auch „normalen“ Menschen nützt, die „einfach nur“ Knieschmerzen haben. Heute haben wir zwei verschiedene Versionen auf dem Markt. Es gibt neben unseren medizinischen Produkten, die man auf Rezept im Sanitätsfachhandel bekommt, auch Produkte speziell für Sportler.
Die Sport-Bandagen sind noch ein paar Gramm leichter, das Gestrick noch luftdurchlässiger und die Farben sehr an der Mode orientiert. Aber das Wirkprinzip der Sport-Kniebandage ist dasselbe wie bei der GenuTrain.

Viele unternehmerische Entscheidungen oder Produkteinführungen der Vergangenheit entpuppen sich als Erfolgsgeschichte: Wie viel davon ist Zufall, Ahnung oder Weitsicht?
Zufall, Ahnung und Weitsicht spielen schon eine Rolle. Worauf es dazu noch ankommt, ist Fleiß. Weil erst kontinuierliches Arbeiten dauerhaften Erfolg bringt.
Ich kenne jedenfalls keinen Faulpelz, der Erfolgsgeschichten schreibt. Außerdem gehört für mich Mut und Entschlossenheit dazu. Gerade am Anfang eines Unternehmens.

Bauerfeind ist nach wie vor ein Familienunternehmen. Bleibt das so?
Ja, wir werden ein Familienunternehmen bleiben. Um dies zu gewährleisten, haben meine Kinder und ich 2014 eine Familienstiftung gegründet. Sie hat einen einzigen Zweck: den Erhalt und die Förderung unserer Unternehmensgruppe.

Was tun Sie in Ihrer Freizeit, um auf andere Gedanken zu kommen oder um sich neu inspirieren zu lassen?
Ich suche die Ruhe und genieße die Zeit zu Hause, im Garten und auf der Jagd – ein Hobby, das ich mit meiner Frau teile. Da kann ich sehr gut abschalten und Kraft tanken.
Inspiration finde ich außerdem in Kunst und in Büchern. Wir sind eine große Familie und erfreuen uns an unseren Kindern und Enkelkindern.
str

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